Marco Patzelt
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2. Januar 2026

Founding Engineer... oder Kubernetes-Hausmeister? Warum Over-Engineering Startups tötet

Wer Kubernetes für 0 User baut, betreibt produktive Prokrastination. Echte Founding Engineers nutzen PaaS für Product-Market-Fit, statt YAML für leere Container. Code ist eine Verbindlichkeit.

Die Infrastruktur-Falle: Warum Mieten besser ist als Kaufen

Strategische Fehlallokation in Stellenanzeigen

Man beobachtet auf LinkedIn ein interessantes Phänomen. Pre-Seed Startups in Berlin oder München suchen einen "Founding Engineer", doch das Anforderungsprofil liest sich wie die Wunschliste eines Enterprise-CTOs, der auf maximale Ausfallsicherheit optimiert:

  • "Must have: Kubernetes (K8s) Deep Dive"
  • "Erfahrung mit Terraform & Infrastructure as Code"
  • "AWS Multi-Region Setup"
  • "Microservices Architektur"

Die Analyse: Es ist absolut verständlich, warum Gründer diese Anforderungen stellen. Sie suchen nach Professionalität und wollen "Technical Debt" von Anfang an vermeiden. Wer möchte nicht eine Infrastruktur, die so robust ist wie die von Netflix?

Der strategische Trade-off: Diese Denkweise übersieht den kritischen Faktor der Phase 0: Product-Market-Fit. Ein Startup in dieser Phase besteht oft nur aus zwei Gründern ohne verifizierte Nutzerbasis. Hier jemanden einzustellen, der eine Infrastruktur für Millionenlasten baut, ist eine klassische Fehlallokation von Ressourcen. Wir lösen hier hypothetische Probleme der Zukunft, anstatt das einzige reale Problem der Gegenwart zu lösen: Ein Produkt zu finden, das der Markt will.

Das Missverständnis der "Best Practices"

Warum tappen intelligente Teams in diese Falle? Es liegt oft an "Legacy Habits" – Gewohnheiten, die in großen Tech-Unternehmen gelernt wurden und nun fälschlicherweise auf ein Pre-Seed-Umfeld projiziert werden.

Die Logik lautet oft:

"Google und Netflix nutzen Microservices für maximale Skalierbarkeit. Wir wollen so erfolgreich sein wie sie, also adaptieren wir ihre Architektur."

Der Kontext-Check: Kubernetes und Microservices sind brillante Lösungen für logistische Probleme, die auftreten, wenn man hunderte von Entwicklerteams und Millionen von Requests koordinieren muss. Für ein Gründungsteam ist diese Komplexität jedoch fatal. Ein Early-Stage-Startup ist kein kleineres Netflix; es ist eine ganz andere Art von Organisation. Netflix optimiert auf Effizienz im großen Stil. Ein Startup muss auf Iterationsgeschwindigkeit optimieren.

Ich habe Teams begleitet, die Monate in den Aufbau einer "perfekten", skalierbaren Architektur investiert haben. Das Resultat war ein hochverfügbarer Cluster für fast null Traffic. Das ist keine Ingenieurskunst, das ist ineffizientes Kapitalmanagement.

Infrastructure as Procrastination

Es fühlt sich produktiv an, DevOps-Pipelines zu optimieren. Wenn man die Latency zwischen Pods um 5ms verbessert, hat man ein messbares Ergebnis.

Doch wir müssen ehrlich zu uns selbst sein: Oft ist dies eine Form von produktiver Prokrastination.

Jede Stunde, die wir in komplexe YAML-Konfigurationen, Helm-Charts und AWS-Routing investieren, ist eine Stunde, in der wir nicht am Kernprodukt arbeiten. Wir weichen der unangenehmen, existenziellen Frage ("Braucht das jemand?") aus, indem wir uns in die vertraute Komplexität der Technik flüchten.

Kunden bezahlen nicht für elegante Terraform-Module. Sie bezahlen für den Mehrwert, den die Applikation liefert. Alles, was diesen Mehrwert nicht direkt steigert, ist in dieser Phase Overhead.

Die Mathematik der Wegwerf-Architektur

Lassen Sie uns die Zahlen betrachten. Ein sauberer, modularer Monolith auf einem Vercel Pro-Plan ($20) oder einem ähnlichen PaaS-Dienst hält problemlos 10.000 aktive Nutzer.

Kubernetes für null Nutzer zu implementieren, ist vergleichbar mit dem Kauf eines Airbus A380, bevor man die erste Flugroute verkauft hat. Es bindet Kapital und kognitive Ressourcen.

Meine These: Ich plädiere für das Konzept der "Disposable Architecture" (Wegwerf-Architektur). Wenn Sie Pre-Seed sind, ist Ihr Ziel die Series A. Bauen Sie Ihre Architektur so, dass sie Sie schnell dorthin bringt. Wenn Sie dann skalieren und die Architektur an ihre Grenzen stößt, haben Sie das Luxusproblem des Erfolgs – und das Funding, um es neu und "richtig" zu bauen. Wer heute auf K8s setzt, optimiert verfrüht (Premature Optimization).

Die Rolle des strategischen Founding Engineers

Ein exzellenter Founding Engineer unterscheidet sich von einem reinen Infrastructure Manager. Er agiert nicht nur als Techniker, sondern als Stratege. Er optimiert radikal auf Time-to-Market.

Der Ansatz: Rent before you Buy

  1. PaaS over IaaS (Mieten statt Kaufen): Nutzen Sie Plattformen wie Vercel, Railway oder Supabase. Ja, diese Dienste werden ab einer gewissen Skalierung teurer (die "Cloud Bill"). Aber in der Frühphase "mieten" Sie sich damit die Expertise von hunderten Ops-Ingenieuren, damit Sie sich auf Ihr Produkt konzentrieren können.
  2. Monolith First: Starten Sie mit einem modularen Monolithen. Microservices erhöhen die operative Komplexität exponentiell. Sie sind ein Organisations-Pattern für große Teams, kein Architektur-Muss für Startups. Extrahieren Sie Services erst, wenn es datenbasierte Gründe dafür gibt.
  3. Speed is the only Asset: Ein Deployment darf keine 20 Minuten dauern, weil Container erst orchestriert werden müssen. Es muss in Sekunden live sein, um Feedback-Schleifen kurz zu halten.

Code ist in der Frühphase eine Verbindlichkeit (Liability), kein Vermögenswert. Je weniger Infrastruktur-Code Sie verwalten ("Infrastructure as Code"), desto agiler bleiben Sie.

Fazit

Es ist keine Schande, einfache Tools zu nutzen. Im Gegenteil: Es zeugt von Seniorität, die Grenzen von Technologien wie Kubernetes anzuerkennen und sie dort einzusetzen, wo sie hingehören – in die Skalierungsphase.

Bauen Sie Ihr Produkt. Validieren Sie Ihren Markt. Die komplexen Probleme von morgen lösen wir morgen – mit den Ressourcen, die uns der Erfolg von heute eingebracht hat.

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