Marco Patzelt
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2. Januar 2026

Das Ende von Static Middleware: Warum ich auf "Agentic Orchestration" setze

Traditionelle Softwareentwicklung gleicht dem Verlegen von starren Rohren. Ich erkläre, warum ich keine statischen Endpunkte mehr baue, sondern Agenten (powered by Gemini 3 Pro), die Integrationscode zur Laufzeit schreiben. Der Shift geht von "Wochen bis zur Einsicht" zu "Sekunden zur Antwort".

Der "Runtime Compiler": Wie KI die "Last-Mile" Logik generiert

Die strategische Lücke: Wenn statische Dashboards zu langsam werden

Es gibt gute Gründe, warum stabilitätsorientierte Architekten auf fest definierte APIs und strenge Schemata setzen. In Kernbereichen – wie der Transaktionsverarbeitung oder dem Identity Management – sind Vorhersehbarkeit und Typensicherheit nicht verhandelbar. Ein System, das Finanzdaten verarbeitet, muss deterministisch sein. Punkt.

Doch wir beobachten zunehmend eine "Effizienzlücke" (Efficiency Gap) in der Business Intelligence. Das traditionelle Modell der Softwareentwicklung basiert auf der Annahme, dass wir die Fragen des Business im Voraus kennen. Der Prozess ist bekannt:

  1. Anforderung definieren.
  2. Endpunkt bauen (GET /api/revenue).
  3. ETL-Strecke anpassen.
  4. Dashboard aktualisieren.

Dieser Ansatz ist solide, aber er hinkt der Realität hinterher. Statische Dashboards beantworten meist die Fragen von gestern. Wenn der CEO fragt: "Wie wirkt sich die Lieferverzögerung im Suezkanal auf unseren Umsatz in Q3 aus?", hilft kein Standard-Dashboard weiter.

Hier entsteht ein Konflikt: Das Business benötigt dynamische Antworten, aber die IT liefert statische Infrastruktur. Das Resultat ist oft ein Rückstau an Tickets und Manager, die Entscheidungen auf Basis veralteter Daten treffen müssen.

Der Lösungsansatz: Ein hybrides Modell für "Last-Mile" Logik

Die Lösung liegt nicht darin, bewährte Architekturprinzipien über Bord zu werfen, sondern sie strategisch zu ergänzen. Ich schlage ein hybrides Modell vor: Hard Code für Sicherheit, AI für Analyse.

Wir nutzen Large Language Models (LLMs) hierbei nicht als Ersatz für Ihre Core-Business-Logik, sondern als "Runtime Compiler" für die letzte Meile der Datenabfrage.

Die Sicherheits-Grenze (The Boundary)

Um das Risiko von Halluzinationen oder fehlerhafter Logik zu mitigieren, ziehen wir eine klare Grenze:

  • Core Transactions (Schreibzugriffe, Buchungen): Bleiben deterministischer, handgeschriebener Code.
  • Read-Only Analysis (Ad-hoc Reporting): Wird zur Laufzeit durch den Agenten generiert.

Wie der "Runtime Compiler" funktioniert

Anstatt Geschäftslogik starr in TypeScript-Funktionen vorzudefinieren, fungiert der Agent als Just-in-Time-Entwickler für Lesezugriffe:

  1. Intent Analysis: Der Agent versteht das komplexe Ziel ("Umsatz-Impact Suezkanal").
  2. Controlled Code Generation: Er erstellt in Echtzeit SQL-Queries oder API-Calls.
    • Sicherheits-Layer: Der Agent operiert mit einem Read-Only Datenbank-User und in einer isolierten Sandbox (z.B. Vercel Edge Functions oder Deno).
  3. Synthesis: Die Rohdaten werden aggregiert und kontextualisiert.

Das Ziel ist es, von "Pre-Computed Logic" zu "On-Demand Logic" zu wechseln, ohne die Integrität der Daten zu gefährden.

Das Szenario: Agilität im "War Room"

Lassen Sie uns dieses Modell am Beispiel einer Lieferketten-Unterbrechung (Suezkanal) durchspielen.

Der Status Quo (Legacy Habits): Der CEO benötigt Daten für eine Krisensitzung. Ein Infrastructure Manager muss Ressourcen freigeben, um:

  1. Logistik-Daten aus System A zu exportieren.
  2. Bestellungen aus System B zu matchen.
  3. Ein neues Reporting-Skript zu schreiben. Dauer: 24 bis 48 Stunden. In einer Krise ist das eine Ewigkeit.

Der Ansatz mit "Runtime Compiler": Die Anfrage lautet: "Liste alle Container auf der 'Ever Given', matche sie mit unseren offenen Bestellungen und berechne den potentiellen Umsatzverlust für Q3."

Da wir dem System vertrauenswürdigen, aber beschränkten Lesezugriff ("Read-Only") gewähren, agiert der Agent sofort:

  1. Abfrage: Generiert Code für LogisticsAPI.getManifest('Ever Given').
  2. Korrelation: Erstellt einen komplexen SQL-Join über die Order-Tabellen, den ein Mensch erst mühsam konstruieren müsste.
  3. Ergebnis: "Wir haben 14 Container mit Elektronik im Wert von 4.2M EUR an Bord. Impact auf Q3: -2.1%."

Dauer: Sekunden. Der strategische Vorteil liegt hier nicht nur in der Geschwindigkeit, sondern in der Entkopplung. Wir müssen keine API warten, die nur für diesen einen Krisenfall gebaut wurde.

Fazit: Seconds to Insight

Die Rolle des modernen Software-Architekten wandelt sich. Es geht nicht mehr nur darum, stabile Rohre zu verlegen, sondern intelligente Ventile zu schaffen, die den Datenfluss dynamisch steuern können.

Mein Rat an Entscheidungsträger: Verteufeln Sie nicht die Stabilität Ihrer Legacy-Systeme – sie sind das Fundament. Aber akzeptieren Sie, dass statische ETL-Pipelines und Dashboards für Ad-hoc-Analysen zu starr sind.

Investieren Sie in eine Orchestrierungs-Schicht, die als sicherer "Runtime Compiler" fungiert. Dies ermöglicht es Ihrem Team, Antworten in Sekunden zu liefern, während die kritische Infrastruktur stabil und unberührt bleibt.

(Architectural Forecast): In wenigen Jahren wird die manuelle Erstellung von SQL-Queries für reines Reporting als ineffiziente Nutzung von Entwicklerressourcen gelten – ähnlich wie wir heute auf die manuelle Speicherverwaltung in Hochsprachen zurückblicken.

Marco Patzelt High-End Software Architect

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