Marco Patzelt
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2. Januar 2026

Die Rückkehr des Generalisten: Warum Spezialisten dein Startup bremsen

Frontend-Silos und Backend-Elfenbeintürme sind Relikte aus 2015. Mit Tools wie Supabase und AI-Copiloten ersetzt ein Product Engineer heute drei Spezialisten. Weniger Handoffs, mehr Features.

Das Zero-to-One Kommando: Warum funktionale Silos frühe Innovation töten

Die strategische Abwägung: Optimierung vs. Kreation

Es ist durchaus nachvollziehbar, warum etablierte Großunternehmen Stellenanzeigen für „Frontend React Spezialisten“ oder „Backend Java Architekten“ schalten. In einer Umgebung, die maximale Stabilität und Skalierung erfordert, ist tiefe Spezialisierung notwendig, um Risiken zu minimieren und etablierte Systeme zu warten.

Doch wir müssen eine ehrliche Unterscheidung treffen: Optimieren wir ein bestehendes System oder erschaffen wir etwas Neues?

Die Realität: Wer ein Startup oder eine neue Produktinitiative im „Zero-to-One“-Stadium mit den Strukturen eines Konzerns aufbaut, tappt in eine Effizienzfalle. Spezialisierung ist notwendig für Optimierung, aber sie ist Gift für die Kreation.

Latenz als Innovationsbremse

In meiner Arbeit als Architekt beobachte ich oft, wie „Legacy Habits“ in junge Projekte übertragen werden. Man geht davon aus, dass man für jede Schicht einen dedizierten Experten benötigt: Datenbank, Backend, Frontend.

Das Problem dabei ist nicht die Kompetenz der Einzelnen, sondern die Kommunikationslatenz.

Betrachten wir ein typisches Szenario: Ein neues Feature, z.B. ein Feld im User-Profil, soll implementiert werden.

  1. Der Frontend-Entwickler ist blockiert, da die API das Feld noch nicht liefert.
  2. Ein Ticket wandert zum Backend-Team.
  3. Der Backend-Entwickler wartet auf eine Schema-Freigabe durch den Infrastructure Manager.

In einem etablierten Konzern ist dieser Prozess ein notwendiges Sicherheitsnetz. In der Frühphase eines Produkts ist es jedoch tödliche Bürokratie. Drei Experten verbringen Zeit in Meetings zur Abstimmung von JSON-Strukturen, anstatt Wert zu schaffen.

Mein Ansatz ist hier strikt: Wir benötigen Product Engineers, die einen vertikalen Schnitt („Vertical Slice“) durch das System verantworten – von der Datenbank bis zum UI-Button. Das Ziel ist die Eliminierung von Übergabepunkten.

Technologie als Hebel: Validieren, dann Vereinfachen

Natürlich hat der traditionelle Tech-Stack seine Berechtigung. Es ist absolut sinnvoll, dass Banken oder Versicherungen auf komplexe, selbst gehostete Microservices und strikte Rollentrennung setzen, um regulatorische Anforderungen zu erfüllen.

Für die Innovationsphase müssen wir jedoch anders kalkulieren. Hier ist Code eine Verbindlichkeit (Liability), kein Asset.

Der strategische Wechsel: Anstatt Ressourcen in den Aufbau eigener Authentifizierungs- oder Datenbank-Layer zu stecken – Probleme, die technologisch längst gelöst sind –, nutzen wir Plattformen wie Supabase. Wir lagern die „Commodity“-Infrastruktur aus.

Dies ist kein Verzicht auf Qualität, sondern eine bewusste Fokussierung auf die Business-Logik. Der „Product Engineer“ muss kein Datenbank-Admin sein, um performante Anwendungen zu bauen, wenn die Infrastruktur dies abstrahiert.

Die „Special Forces“ der Entwicklung: AI-gestützte Generalisten

Früher gab es das Argument, dass Generalisten („Fullstack“) in keinem Bereich tief genug blicken könnten. Dieses Argument wird durch moderne KI-Tools zunehmend entkräftet.

Wir sollten den Generalisten heute als eine Art „Spezialeinheit“ betrachten. Ausgestattet mit Tools wie Cursor und LLMs (z.B. Claude 3.5 Sonnet oder Gemini), kann ein einzelner Entwickler Aufgaben bewältigen, die früher ein ganzes Team erforderten.

  • Komplexe SQL-Queries? Der Engineer definiert die Logik, die KI generiert optimierte Row Level Security (RLS) Policies.
  • Sicherheitsarchitektur? Die KI fungiert als Co-Pilot, um Middleware-Logik vor dem Commit auf Schwachstellen zu validieren.

Dies ermöglicht eine neue Arbeitsweise: Code Augmented Generation (CAG). Der Product Engineer muss nicht warten. Er orchestriert die Lösung. Die Logik wandert dabei oft aus dem klassischen Backend in die Edge Middleware, direkt an den Interaktionspunkt von Daten und Nutzer.

Fazit: Das richtige Team für die richtige Phase

Die Ära der funktionalen Silos ist nicht vorbei, aber sie gehört in die Phase der Skalierung und Optimierung, nicht in die der Erfindung.

Für Gründer und technische Leiter bedeutet dies eine strategische Neuausrichtung:

  1. Vermeiden Sie kognitiven Overhead: Trennen Sie Frontend und Backend im frühen Stadium nicht künstlich. Suchen Sie nach „Product Engineers“, die Features ganzheitlich verstehen und umsetzen.
  2. Investieren Sie in Werkzeuge: Ein Abonnement für leistungsfähige AI-Tools ist günstiger und oft effektiver als der Koordinationsaufwand zwischen zwei spezialisierten Junior-Entwicklern.
  3. Akzeptieren Sie den Trade-off: Ja, spezialisierte stabilitätsfokussierte Architekten schreiben vielleicht akademisch reineren Code. Aber die „Special Forces“ liefern ein funktionierendes Produkt, das den Markt erreicht, während andere noch Schnittstellen definieren.

Ich entwerfe Architekturen für den Markterfolg. In der kritischen Startphase gewinnt das Team mit den wenigsten Abhängigkeiten. Setzen Sie auf den KI-befähigten Generalisten, um diese Geschwindigkeit zu erreichen.

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